Letzten Sonntag um 19:24 Uhr: Michael Oliver pfeift ab und die YNWA-Gesänge der Fans werden mit einem enthusiastischen Jubelschrei unterbrochen. Der Blick auf die Anzeigetafel lässt das Herz eines jeden Reds höher schlagen. Liverpool 3, City 1. Aufgrund der brutalen Kaltschnäuzigkeit und des nahezu perfekten Umschaltspiels, konnte die Klopp-Elf den Scheich-Klub aus Manchester besiegen.

Während Klopp nach der Partie wieder reichlich Umarmungen an seine eigenen Spieler verteilte und die übliche Kloprunde drehte, kochte Guardiola vor Wut und bedankte sich mit Sarkasmus beim Schiedsrichtergespann. Ein Szenario, das den Liverpool-Fans einen Schmunzler ins Gesicht zauberte. Wenn man bedenkt, dass der katalonische Trainer mit fragwürdigen Psychotricks die Partie beziehungsweise den Schiedsrichter im Vorfeld zu beeinflussen versuchte, schmeckt dieser Triumph noch süßer. 

Nein, die Meisterschaft ist nicht entschieden

Dieser Sieg schreibt allerdings nicht nur ein weiteres Kapitel der relativ neu entstandenen Rivalität zwischen den beiden Giganten, sondern wirkt sich auch erheblich auf die Tabellensituation aus. Mit sensationellen 34 von 36 Punkten liegt man acht Punkte vor Chelsea und Leicester. Der Abstand zum amtierenden Meister beträgt nach 12 Runden bereits neun Punkte. Dies ist auch der Grund, warum TV-Experten und (ehemalige) Fußball-Ikonen wie Arsène Wenger, Roy Keane und José Mourinho Liverpool als Meister favorisieren.

Die Vorstellung, dass Jordan Henderson im Mai die Premier-League-Trophäe in die Höhe streckt und die 30-jährige Sehnsucht der Stadt und der Fans stillt, löst bei mir ein unbeschreibliches Gefühl der Freude aus. Ist jedoch das Rennen um den Titel tatsächlich schon entschieden? Auf gar keinen Fall! Unabhängig von den obligatorischen Floskeln (abgerechnet wird nach 38 Spieltagen, und vieles mehr) gibt es noch andere Faktoren, die zu berücksichtigen sind.

Zum einen löst der Blick auf den Spielplan der kommenden Wochen Bedenken aus, die auf jeden Fall berechtigt sind. Von Ende November bis Anfang Jänner sind 14 Partien zu absolvieren. Das bedeutet, dass bis zu Beginn des nächsten Jahres jedes Mal zusätzlich unter der Woche gespielt wird. Der längste Zeitintervall liegt mit vier Tagen zwischen den Partien am 21. und 26. Dezember. Jedoch muss man für diese Zeitspanne den Rückflug von der Klub-WM in Katar berücksichtigen. Hier stellt sich die Frage, wie diese intensive Phase bewältigt werden kann, da mit Ausnahme der League Cup Partie gegen Aston Villa jedes Spiel ernst zu nehmen ist.

Kader zu dünn?

Des Weiteren wird man sehen, ob den Spielern ausreichend Zeit für die Regeneration zur Verfügung steht und ob potentielle Verletzungen kompensiert werden können. In diesem Zusammenhang wird sich zeigen, ob das passive Verhalten im vergangenen Transferfenster der richtige Schritt war. Damals bezeichneten Klopp und Henderson die Akteure Alex Oxlade-Chamberlain und Rhian Brewster aufgrund ihrer langfristigen Verletzungen als Neuzugänge. Während „Ox“ in den letzten Partien eine stark steigende Formkurve aufweist, wartet Brewster immer noch auf seine ersten PL-Minuten.

Außerdem stellt sich die Frage, wie potentielle Ausfälle der beiden Außenverteidiger, die für die Offensivgestaltung dieser Mannschaft immens wichtig sind, kompensiert werden könnten. Für Robertson, der aufgrund einer Knöchelverletzung für die kommende Crystal Palace Partie fraglich ist, wird vermutlich Milner als Ersatz angedacht. Auch wenn der Publikumsliebling eine unglaublichen Workrate aufweist, fehlt ihm im Duell gegen einen agilen Flügelspieler oftmals die letzte Spritzigkeit.

Für Trent Alexander Arnold gibt es auch keinen Ersatzspieler, der in seiner natürlichen Position als Rechtsverteidiger klassifiziert wird. In der Vergangenheit übernahm Joe Gomez öfters diese Rolle, jedoch sind die offensiven Fähigkeiten des angelernten Innenverteidigers sehr beschränkt. Diese intensive Phase wird zeigen, ob die derzeitige Kaderbreite ausreicht.

Ein weiterer Punkt, den man berücksichtigen muss, ist die spielerische und mentale Stärke von Manchester City. Dass man diese Truppe noch nicht abschreiben darf, wurde letztes Jahr zu Leiden von den Reds bewiesen. Die Guardiola-Elf verzeichnete in der Rückrunde von 19 Spielen 18 Siege und holte einen Rückstand von 7 Punkten auf.

We’re gonna win the league?

Auch wenn der Scheichklub den Weggang von Vincent Kompany offensichtlich noch nicht kompensiert hat und mit Chelsea und Leicester unangenehme Gegner vor der Tür stehen, darf man die Citizens aufgrund ihrer qualitativen Kaderbreite (bedingt durch ihre Finanzkraft) nicht unterschätzen. Mit einer geballten Offensivkraft sind sie in der Lage, massenhaft Chancen zu kreieren. Ihr derzeitiges Defensivmanko werden sie vermutlich im Jänner mit Neuzugängen ausgleichen wollen.

Auch wenn der rote Merseyside-Klub derzeit aufgrund seiner spielerischen Qualität und seiner gigantischen Siegermentalität unbezwingbar erscheint, ist es trotz eines komfortablen Polsters definitiv zu früh für Vorfreude. Die bitteren Erfahrungen aus den Spielzeiten 2008/09, 2013/14 und 2018/19 sollten Erinnerung genug sein, dass man sich erst freuen kann, wenn der Titel tatsächlich fixiert ist und währenddessen sollte man auf Fangesänge „We’re gonna win the league“ verzichten, auch wenn dies im Moment sehr verlockend erscheint. 

Bis dahin heißt es „walk on, walk on with hope in your heart …“