Anfang Mai hat der FC Liverpool hauchdünn die erste Meisterschaft seit 1990 verpasst. Wie enttäuscht waren Sie?

Die Freude darüber, was unsere Mannschaft geleistet und wie sie sich vor allem entwickelt hat, hat nach einer Stunde der Enttäuschung nach dem letzten Ligaspiel eindeutig überwogen. Wir haben in den letzten Wochen der Premier-League-Saison das Maximale herausgeholt. Für unsere Entwicklung war es ein ganz großer Schritt, die Sache unter höchstem Druck mit einer wahnsinnigen Konstanz und zeitgleicher Teilnahme an der Champions League bis zum Schluss durchzuziehen. Es in dieser Kombination aus beiden Wettbewerben geschafft zu haben, macht mich wirklich stolz.

Im Januar haben Sie beim kicker gesagt, Sie würden lieber die Meisterschaft statt die CL gewinnen, wenn Sie die Auswahl hätten. Kann die Aufgabe in Liverpool erst dann beendet sein, wenn diese große Sehnsucht der Menschen gestillt ist – erst recht jetzt, wo man so kurz davorstand?

Viel wichtiger ist immer die gesamte Arbeit. Wir richten nicht alles nur an der Meisterschaft aus, sondern wollen eine langfristige Entwicklung und Verbesserung einleiten. Vor diesem Hintergrund ist die Meisterschaft zweifelsfrei ein Ziel und unser maximaler Wunsch – wohlwissend jedoch, dass Liverpool auch in den nächsten Saisons sehr wahrscheinlich nicht die finanzstärkste Kraft in England sein wird. Daher bleibt das ein wahnsinnig ambitioniertes Ziel. Wir werden es weiter versuchen. Dass aber die Kaderqualität und -breite ein wesentlicher Faktor dafür ist, kann nicht außer Acht gelassen werden.

Manchester City feiert sechstens Meistertitel – Foto: Getty Images Sport

Vor einem Jahr sagten Sie über den Meistertitel von ManCity, das Team habe „eine neue Form von Fußball entwickelt hat, die über allem stand“. Was meinten Sie damit, und wie hat sich City in der letzten Saison weiterentwickelt?

Sie haben damals alle anderen Mannschaften in der Liga auf eine absolut beeindruckende Art und Weise dominiert. Sie haben mit ihrem Fußball dafür gesorgt, dass die Gegner das schlichtweg nicht mehr verteidigen konnten. In dieser Saison haben sie unter Beweis gestellt, dass das kein Zufall, sondern das Ergebnis systematischer Überlegungen und konkreter Umsetzung war. 201 Tore in zwei Spielzeiten, das ist Fließbandarbeit. Sie haben jetzt ihre Spielweise noch etwas ausgedehnt und verfolgen mittlerweile eine sehr pragmatische Herangehensweise. Viele Mannschaften haben sich insofern angepasst, dass sie in der Lage sind, das kompakter zu verteidigen. City gelingt es jetzt nicht mehr so oft, fünf oder sechs Tore in einem Spiel zu schießen. Sie kommen nicht mehr so oft zum freien Torschuss, haben aber mit ihrer Ballbesitzphilosophie dafür gesorgt, dass die Gegner kaum mehr selbst zum Angreifen kommen.

Liverpool ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich konstanter geworden, patzte nicht mehr gegen kleinere Vereine, die Wichtigkeit der beiden Außenverteidiger hat zugenommen – in welcher Hinsicht hat man das Spiel verfeinert?

Wir haben die Qualität unseres Ballbesitzes verbessert. Wir bekommen nun auch unter hohem gegnerischen Angriffspressing einen zielgerichteten, spielerischen Aufbau hin – und dies mit einer sehr hohen Zuverlässigkeit. Wir haben diesbezüglich insofern Variabilität geschaffen, dass wir immer wieder neue Aufbauformationen spielen lassen können. Wir geben dazu kurze Signale an unsere Spieler und sie sind dann in der Lage, darauf sehr variabel zu reagieren. Beispielsweise, wenn sich Aufbauformationen verändern sollen, wir den Flügel etwas höher schieben oder ein Spieler vermehrt zwischen den Ketten agieren soll. Das gibt uns die Möglichkeit, über die gesamten 90 Minuten dominanter und konstanter aufzutreten. Wir wissen jetzt, dass wir auch in den letzten Minuten mit einer Einwechslung oder einer kleinen Systemumstellung noch einmal neue Situationen schaffen, die die Wahrscheinlichkeit auf einen Treffer erhöhen.

Die beiden Außenverteidiger Andrew Robertson und Trent Alexander-Arnold gehören ligaweit zu den Top-6 der Vorlagengeber. Wie wichtig sind sie für Liverpools Spiel?

Wir versuchen natürlich, unser Außenverteidiger in Situationen zu bringen, in denen sie die letzte gegnerische Linie durchbrechen können. Die beiden haben dazu die Fähigkeiten, weil sie wahnsinnig schnell sind und mit ihrem guten Timing den richtigen Pass abwarten können, um im richtigen Moment in die richtige Position zu kommen. Dass wir an der Präzision der Hereingaben arbeiten, wenn wir dieses Mittel der Spielverlagerung und -beschleunigung mit Durchbrüchen über die ballentfernte Seite anwenden, ist klar. Wir definieren dabei Zielbereiche für die Hereingaben und arbeiten insbesondere an Laufwegen für die Abnehmer.

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