Die nächste geschichtsträchtige European Night an der Anfield Road: Angeführt von King Salah zerlegen die Reds die AS Roma in alle Einzelteile. Die ersten 80 Minuten waren europäischer Spitzenfußball vom Feinsten, danach ließ der Liverpool FC die Italiener noch ein wenig rankommen. Die Weichen fürs Champions-League-Finale in Kiew sind aber auf jeden Fall gestellt.

Jürgen Klopp setzte bei der Aufstellung auf keine Überraschungen. Wie erwartet startete sein Team ins Hinspiel: Loris Karius wieder im Tor, davor kamen Virgil van Dijk und Dejan Lovren wieder in der Innenverteidigung zusammen, Andy Robertson und Trent Alexander-Arnold besetzten wieder die Außen. Im Mittelfeld nur eine Änderung zum Viertelfinal-Rückspiel in Manchester, Jordan Henderson kehrte neben James Milner und Alex Oxlade-Chamberlain zurück. Vorne natürlich Mo Salah, Roberto Firmino und Sadio Mane. Genau diese Elf schoss schon vor drei Wochen den englischen Meister Man City zurück aus Anfield.

Die AS Roma hatte auch nur eine Änderung gegenüber dem historischen Kraftakt gegen den FC Barcelona im Rückspiel zu vermelden. Statt Patrik Schick begann Cengiz Ünder, der das entscheidende 3:0 von Abwehrchef Kostas Manolas damals vorgelegt hatte. Für Liverpool also ein großgewachsener Stürmer weniger, um den sich in der Abwehr kümmern musste. Mit Edin Dzeko blieb aber noch ein 1,93-Meter-Riese, der van Dijk und Co. in der Luft Probleme bereiten wollte und auch Tore schießen kann. Und mit Alisson Becker ein Tormann mit außergewöhnlichen Qualitäten, die man anscheinend auch schon in Anfield mitbekommen hat.

Salah tastet sich ran

Die ersten Minuten waren eher noch Abtasten. Liverpool brauchte etwas, um sein gewohntes Spiel zu finden. Das zeigten zuerst eher die Gäste, die aus einer sicheren Abwehr heraus den Gastgebern wenig Räume gab, aber auch selbst nach vorne spielen wollte. Dabei gab es bereits in den ersten paar Minuten Abschlüsse auf beiden Seiten. Erst Strootman, dann Salah, beide Schüsse gingen ungefährdet in die Hände der Tormänner. Aber zum ersten Mal kam an dieser European Night in Anfield der Salah-Song von den Rängen. Und nicht zum letzten Mal …

Probleme an der Seitenlinie hatte der Linienrichter vorm Kenny Dalglish Stand: Nach fünf Minuten musste er tatsächlich seine Fahne austauschen. Die blieb kurz darauf unten, als Liverpool die erste große Chance verzeichnete. Firmino wurde ziemlich perfekt in Szene gesetzt und machte dann vielleicht einen Schritt zu viel. Der Winkel für den Schuss wurde einfach zu spitz, die Treffsicherheit des Brasilianers stimmte vielleicht auch noch nicht. Die Fahne des Assistenten funktionierte jedenfalls wieder.

Nach einer Viertelstunde mussten die Reds den ersten und fast den einzigen Dämpfer hinnehmen. Alex Oxlade-Chamberlain verletzte sich in einem Zweikampf mit Aleksandar Kolarov so unglücklich, dass er vom Platz musste. Er wurde standesgemäß von Gini Wijnaldum ersetzt. Und während für „The Ox“ gerade die Trage kam, ließ Kolarov das kurz leise gewordene Anfield fast verstummen: Der Ex-City-Verteidiger zog aus der Distanz ab, Loris Karius brachte, wohl selbst überrascht, gerade noch die Finger dazwischen und lenkte den Kracher an die Latte ab.

Manes Chance eröffnet den Sturmlauf

Nach 28 Minuten hätte Anfield eigentlich so richtig aufschreien müssen: Nach Ballverlust der Roma machte es Roberto Firmino schnell und schickte Sadio Mane mit einer Berührung auf die Reise. Der Senegalese lief alleine auf Alisson zu und als alles mit dem Tor rechnete, setzte er den Ball knapp über die Latte. Diese Topchance war aber der Startschuss für eine Offensiv-Viertelstunde in Rot, die den Römern nur so um die Ohren geflogen kam.

Denn Liverpool hatte jetzt Lunte gerochen. Keine Minute später wieder Mane, dann Salah, der seinen Ex-Teamkollegen im Tor der Roma erstmals so richtig prüfte. Ein Ball nach dem anderen rollte in den kommenden Minuten auf das römische Reich in Anfield zu. Nach einer halben Stunde hatten die Reds endgültig ins Spiel gefunden, jetzt sah es nach dem gefürchteten Offensivspiel von Klopp aus. Und fünf Minuten nach Manes Riesenchance hörte Anfield den ersten Torschrei, Liverpools Nr. 19 stand zuvor jedoch im Abseits.

Traumtor von Salah

Es war in diesen Minuten tatsächlich eine Frage der Zeit, bis Liverpool in Führung ging. Und in Minute 36 war es auch soweit: Henderson und Wijnaldum erkämpften den Ball, dann Mane, dann Firmino, und dann der König mit einem Meisterstück. Mo Salah legte sich den Ball am Strafraumeck auf links und zirkelte das Leder mit so viel Gefühl, wie kein normaler Mensch im Fuß haben kann, aufs Tor. Alisson konnte nur mehr fliegen, hinter ihm legte sich der Ball von der Unterlatte ins Netz. Wie ein echter King, wie ein echter Gentleman danach Salah: Nach dem Schuss drehte er sich einfach um und nahm die Hände in die Höhe. Trotz Traumtores im Champions-League-Halbfinale wollte er gegen seinen Ex-Klub nicht jubeln.

Auch nach der Führung machte Liverpool genauso weiter wie in den letzten Minuten. Die Roma wirkte fast wie versteinert: Lovren hätte völlig freistehend fast zum 2:0 eingeköpfelt, Wijnaldum hatte eine weitere sehr gute Chance. Kurz vor der Pause war es aber wieder Salah, der seinem Ex-Verein zum Verhängnis wurde. Gegen fünf Römer Verteidiger reichten Bobby Firmino und Mo Salah, die beiden Offensivkünstler spielten sich bis Sechszehner, wo der Ägypter wieder seinen gefühlvollen linken Fuß auspackte. Einfacher Lupfer über Alisson und es stand zur Pause 2:0 für den Liverpool FC.

Liverpool macht einfach weiter

Nach dem Seitenwechsel probierten es die Italiener wieder mit etwas mehr Offensive. Sie spielten aber auch mit dem Feuer: Nach einem Ballverlust in der eigenen Hälfte zog Mane schon wieder Richtung Tor, wurde aber hauchdünn wegen Abseits zurückgepfiffen. Ähnlich knapp war es kurz darauf bei Salah. Zuvor sah man in den TV-Bildern noch Francesco Totti bedient auf der Tribüne sitzen. Die sympathische Roma-Ikone konnte einem fast ein wenig leid tun, das war aber wenige Moment später gleich wieder vergessen: Salah startete durch und bediente Mane, der nun aus kurzer Distanz auch sein Tor erzielte. Und keine fünf Minuten später fast dasselbe Bild: Alexander-Arnold legt direkt weiter zu Salah, der wieder als Assistgeber von der rechten Seite glänzte. Diesmal hatte Firmino die Ehre, aus wenigen Metern auch noch zu treffen – 4:0 nach einer Stunde für die Reds.

European Royalty is back

Die letzten 30 Minuten waren vor allem ein Genuss für jeden Liverpool-Fan. Entspannung in einem Champions-League-Halbfinale, das nach einer Stunde entscheiden war. Gar nicht so lange scheinen die Zitterpartien gegen Swansea, Watford oder Sunderland her zu sein, in denen man bis in die Nachspielzeit einen Puls von 180 hatte, man diese Matches auch mal verlor. Aber spätestens an diesem Abend war der Liverpool FC zurück in der absoluten Spitze Europas. Bobby Firmino legte zur Feier des Tages noch einen drauf. Nach Ecke von James Milner köpfelte der Brasilianer zum Doppelpack und 5:0 ein. Das einzige Tor, an dem Mo Salah nicht direkt beteiligt war. Kurz darauf bekam der Pharao seinen verdienten Abgangsapplaus von einem stehenden Publikum in Anfield, für ihn durfte Danny Ings ran.

Plötzlich kommt die Roma

Am Sieg war nichts mehr zu rütteln, aber es gibt ja auch noch ein Rückspiel in Rom. Das wussten auch die Italiener und versuchten doch noch was. Fast aus dem Nichts erzielten sie ihren ersten Treffer an diesem Abend: hoher Ball auf Edin Dzeko, Lovren fährt untern durch und der Bosnier holte die Kugel in typischer Weise runter, um sie an Karius vorbei ins Tor zu schieben. Jetzt gaben die Römer plötzlich Gas, vor allem Dzeko hatte seinen Torinstikt jetzt plötzlich angeworfen. Und ein äußerst unglückliches Handspiel von Milner brachte den Gästen auch noch einen Elfmeter ein, den der eingewechselte Diego Perotti souverän verwandelte.

Auf einmal war es mit der Spannung großteils vorbei. Nun waren die Gedanken schon beim Rückspiel nächsten Mittwoch, die Roma konnte sich mit den Auswärtstoren noch eine etwas weniger aussichtslose Position verschaffen. Aber auch keine gute, denn Liverpool konnte die 5:2-Führung verteidigen.

Ist der Liverpool FC schon im Finale? Nein, ganz und gar nicht. Das haben die ersten 20 und vor allem die letzten zehn Minuten gezeigt. Und sonst braucht man nur in Barcelona nachfragen. Rom wird noch einmal ein Hexenkessel, aber auch die letzte Hürde vor Kiew. Die vorletzte haben die Reds schon einmal bravourös gemeistert.

Spielinfos

Tore
1:0 – Salah (36./Firmino)
2:0 – Salah (45./Firmino)
3:0 – Mane (56./Salah)
4:0 – Firmino (61./Salah)
5:0 – Firmino (69./Milner)
5:1 – Dzeko (81./Nainggolan
5:2 – Perotti (85./Elfmeter)

UEFA Champions League
Halbfinal-Hinspiel

Schiedsrichter
Felix Brych (Deutschland)

Austragungsort
Anfield Stadium

Liverpool FC
Karius – Alexander-Arnold, Lovren, van Dijk, Robertson – Henderson, Milner, Oxlade-Chamberlain (18. Wijnaldum) – Salah (75. Ings), Mané, Firmino (90. Klavan)

Ohne Einsatz: Mignolet, Moreno, Clyne, Solanke

AS Roma
Alisson – Jesus (Perotti), Manolas, Fazio – Kolarov, Florenzi – Strootman, De Rossi (67. Gonalons) – Nainggolan, Ünder (46. Schick) – Dzeko

Ohne Einsatz: Skorupski, Peres, Pellegrini, El Shaarawy

Karten
Jesus (26./Gelb)
Alexander-Arnold (39./Gelb)
Lovren (74./Gelb)
Henderson (87./Gelb)
Fazio (88./Gelb)

Red Fellas – Man of the Match
Mohamed Salah

Nächstes Spiel
Stoke City (H)
Premier League – 36. Spieltag
28. April – 13:30 Uhr